Sidebar

Stoppok

Band: Stoppok 

Album: Operation 17 

VÖ: 30.09.2016 

Label: Grundsound/ Indigo 

Website: www.stoppok.de

 

Basis

Eine kleine Straße umgeben von Naturschutzgebieten in Hamburgs Norden: STOPPOK öffnet die Tür, exakt so, wie man ihn sich vorgestellt hat: einnehmend, herzlich, aufgeweckt, interessiert. Man schaut sich um, während STOPPOK frischen Kaffee aufbrüht: Eine antike Jukebox, eine Sammlung an schicken Vintage-Gitarren, ein bunt zusammengewürfelter Stilmix mit Charakter. „Gerade liegen wir mit unserer Einrichtung wieder voll im Trend, wenn man den Wohndesignmagazinen glauben darf“, grinst STOPPOK, der sich in Hamburg, rund um seinen 60. Geburtstag, ein neues Domizil geschaffen hat, das er mit seiner Frau und deren Sohn mit Leben füllt.

Mit dem Kaffee geht es ins Souterrain, einen Gang entlang, an dessen Ende eine Tür – und daneben: eine analoge Zwei-Zoll-Bandmaschine, bestens gepflegt, offenbar regelmäßig in Gebrauch. Hinter der Tür dann: STOPPOKS Studio, ausgestattet mit feinster Analogtechnik. Lange Zeit stand dieses eingemottet in irgendwelchen Speichern herum; seit er in Hamburg lebt – wo er zwar einst geboren wurde, bislang aber kaum Lebenszeit verbracht hat – konnte er es endlich wieder einmal auspacken, anschließen und dort nach eigenem Tempo und Gutdünken arbeiten.

DIE EIGENE SCHNEISE

Dass Musik und Liebe offenbar jung halten, ist zwar ein fürchterliches Klischee; STOPPOK aber ist dafür der beste Beweis. Er wirkt nicht nur 15 Jahre jünger – je länger man mit ihm spricht, umso deutlicher wird, dass da einer die Erfahrung von vier Jahrzehnten Musikmachen auf wunderbare Weise vermählt mit der Begeisterung eines Musikers, der noch lange nicht auserzählt hat. Dem seine Songs genauso unter den Nägeln brennen, als wenn er gerade sein Debütalbum veröffentlichen würde. Und der sich selbst auf seinem 17. Studioalbum ein Stück weit neu erfinden kann, ohne krampfhaft oder überambitioniert auf Neuanfang zu setzen.

Dieses Album hört auf den Namen „Operation 17“. Ein treffender Titel, denn operieren kann nur, wer sein Handwerk versteht; gleichzeitig ist jede Operation anders, neu, mit besonderen Herausforderungen gesegnet. STOPPOK hat da seinen ganz eigenen Flow, den er wie folgt beschreibt: „Ich habe einen eigenen Weg gefunden, in dem vorhandenen System mein eigenes System aufzubauen. Also Platten zu veröffentlichen, die man sonst mit irgendwelchen Companies und großen Teams rausbringt, Promotion macht, Vorschüsse abdealt und so weiter. Da folge ich lieber meinem eigenen Pfad, natürlich mithilfe von Menschen, die diesbezüglich ebenso positiv eigenbrötlerisch sind wie ich und keinen Bock auf das ganze Business haben. Da haben wir uns unsere eigene Schneise geschlagen und fahren mit dem Fahrtwind zwischen den Gleisen.“

MINSK, LOS ANGELES, KALKUTTA

Das sieht man schon an all den Dingen, die STOPPOK in den zurückliegenden Jahren etabliert hat. Nehmen wir nur seine Konzertreihe STOPPOK und Artgenossen, eine weit über Deutschlands Grenzen bekannte, lose Reihe des konzertanten Aufeinandertreffens von Gleichgesinnten und Musikern unterschiedlichster Couleur, wo regelmäßig ganz besondere Live-Erlebnisse entstehen. Oder seine internationale Arbeit zwischen Minsk, Los Angeles und Kalkutta, wo STOPPOK seinen ganz eigenen Stil als Gitarrist und Songwriter in den Dienst völlig anderer, von seiner eigenen Arbeit oft weit entfernter Musik stellt. So hat er mit der indischen Formation You and I die drei Trilogie-Platten „Tagore & We“ aufgenommen, die monatelang die bengalischen Charts anführten. Für all diese Arbeit wurde ihm Anfang Juli der Weltmusikpreis RUTH in Rudolstadt verliehen. Klar, dass er das Ereignis mit einem Konzert seiner eigens eingeflogenen indischen Musikerfreunde krönte.

ES MUSS EINEN WEG HIER RAUS GEBEN

(aus „1 Weg hier raus“)

Das Schöne an solch einer eigenen Schneise sei, bestätigt er, „dass ich nie eine Vorgabe hatte, wie ich zu klingen habe oder was ich machen muss, damit die Leute mich toll finden. Ich habe stattdessen immer nur geguckt, was aus mir rauskommt, mich der Sache ganz hingegeben. Selbst dann, wenn ich mal etwas bewusster in eine bestimmte Richtung steuern wollte, musste ich feststellen: geht nicht so richtig. So bleibt für mich nur, mich ganz den Songs und der Kreativität hinzugeben. Man könnte negativ sagen, ich bin ein Sklave meiner Kreativität – was letztlich aber ausschließlich positiv ist. Denn auf diese Weise ist mir die Kreativität immer treu geblieben.“

Wie wahr. Es genügt ein einziger Durchlauf von „Operation 17“, um die Richtigkeit dieser Aussage zu spüren. Begleitet von seinen Langzeit-Partnern, dem Bassisten Reggie Worthy, dem L.A.-Drummer Wally Ingram und dem Keyboarder Sebel, ist hier ein Album von großer Weitsicht und Weisheit entstanden – dabei aber keine Platte der Kategorie „brillantes Spätwerk“. Denn das klingt viel zu sehr nach einem Musiker des Gestern, der noch mal mit Glück den richtigen Ton traf. STOPPOK ist ganz im Hier und Jetzt, frisch und mutig, wach und wahrhaftig. Eigen auch, das schon. Klanglich verwurzelt in Traditionen. In seinem Tun und Texten aber absolut aktuell.

WILLKOMMEN ZUM GRAND PRIX DER BEHÄMMERTEN / DER VÖLLIG DESOLAT UND BELÄMMERTEN

(aus: „Planlos durch das All“)

STOPPOK ist und bleibt bleibt auch auf „Operation 17“ der lakonisch-humorvolle Rebell und szenische Beobachter, der mit wenigen prägnanten Worten passgenau ins Schwarze trifft. „Wer ist falsch wer ist richtig / In jedem Fall nehm’ sich alle viel zu wichtig / Der eigene Gott, das eigene Geld / Die verquerte subjektive und auf Halbwissen basierende / Völlig schräge Wahrnehmung unserer Welt.“, heißt es etwa in dem wunderbar die Realität entblößenden „Planlos durch das All“. Ein Andermal schaut Stoppok in das Abendprogramm des deutschen Fernsehens – und verlässt diesen verstörenden Eindruck mit Zeilen wie diesen: „Es muss einen Weg hier raus geben / Sagt sich der Comedian / Sonst lachen die mich tot / Sie lachen mir das Hirn zu / Die Tränen versenken bald mein Boot“. Das ist höchste Poesie der Postmoderne – und ein herausragend spitzfindiger Kommentar auf die Gegenwart.

Doch das alles wäre nicht so herrlich ohne die begleitende Musik. Auch hier findet STOPPOK seine ganz eigene Schneise zwischen Blues, Folk und Rock, zwischen hitzigen Uptempo-Nummern und bedächtig Nachdenklichem, zwischen Akustischem und kräftig Verstärktem. Die Platte entstand zunächst natürlich in STOPPOKS Kopf, der häufig schon beim Spielen der ersten neuen Akkorde eine Idee davon hat, wie das als fertiger Song klingen könnte – „und doch kommt es dann oft anders, dank eines guten Grooves von Wally oder einer plötzlichen Idee von Reggie. Einige Songs haben sich im Verlauf des Prozesses sehr verändert.“ Der Prozess selber: Druckvolle, organische Live-Aufnahmen im ehrwürdigen Studio Nord in Bremen, alles natürlich analog; Overdubs in Los Angeles und ein weiterer Song in Jackson Brownes Studio in Santa Monica; und mit den Aufnahmen dann zurück in sein eigenes Studio, wo STOPPOK den kompletten Mix und die Produktion des neuen Albums besorgte. Das sei der einzige Moment, wo er die Vorteile digitaler Musikproduktion auch mal zu nutzen versteht: „Wenn du so beim Abmischen eines Songs bist und plötzlich merkst: 'Da fehlt noch ein  Frauenchor', dann ist es schön, kurz eine Freundin wie Inga Rumpf anrufen zu können, ihr die Spuren zu schicken – und ein paar Stunden später hast du dann deinen Chor“, freut er sich. Wie sehr STOPPOK das Analoge schätzt – und damit auch alle Gleichgesinnten – zeigt sich an der Doppel-Vinyl von „Operation 17“: Darauf – und nur dort – findet sich zusätzlich auf der vierten Seite ein feiner Zusammenschnitt von Aufnahmen seiner Session zum 60. Geburtstag. Zu hören sind: „Meer“ feat. Christina Lux, „Purple Haze“ feat. Reggie Worthy, „Hootchie Cootchie Man“ feat. Brian Parrish.

Liegt es nicht auf der Hand

(aus: „Es liegt auf der Hand“)

Auch dieser besondere Bonus zeigt: Bei STOPPOK ist alles handgemacht, unmittelbar und durch Hingabe geprägt. Was man eben auch in der Musik hört, die durch ihre Authentizität lebt. STOPPOK hat jeden der neuen Songs zahllose Male abgemischt, dabei immer wieder von vorn begonnen und einen bestimmten Moment der Soundästhetik konserviert. Keine digitalen Presets, mit denen Künstler heutzutage sonst gern arbeiten, weil es damit so leicht ist, einen Trademark-Sound immer wieder identisch abzurufen. Sondern minutiöse Detailarbeit an jedem Klang der Platte. Gute Musik sei eben, beschreibt Stoppok, „kein Convenience Food, das immer gleich schmeckt, sondern die gelungene Mischung aus Intuition und Emotion. Und wenn du diese Ebenen mit anderen teilst, kann dabei etwas Glückvolles entstehen. Das Gute an meinem Umfeld ist, dass es alle sehr unterschiedliche Musiker aus verschiedenen Kreisen sind. Reggie, mein Bassist, mit dem ich seit über 20 Jahren arbeite, hat in den Siebzigern als junger Stöpsel bei Ike & Tina Turner angefangen, von dort diesen Groove mitgenommen und daraus was Eigenes geschaffen, das er auf meine Sprache anpassen kann. Wally bereichert uns mit seiner gewaltigen Erfahrung, die er als Drummer von Sheryl Crow, David Lindley und anderen Größen gesammelt hat. Sebel wiederum könnte mein Sohn sein, liebt aber aus irgendeinem Grund die gleichen Sachen wie wir. Zudem ist er ein absolutes Multitalent. Letztlich haben alle Musiker, mit denen ich arbeite, eine Qualität: Sie können einen Song auf seine Essenz verdichten, sich auf das absolut Wesentliche konzentrieren.“

BEI ALLEM MIST DER LÄUFT UND MITTEN IN DEM CHAOS HIER

(aus: „2 wunderschöne Augen“)

Am Ende ist und bleibt die tatsächliche Essenz aber doch dieser enorm sympathische Mann, mit dem man ebenso ausgiebig über die Entwicklung von Kunst im politischen Kontext diskutieren, wie man sich Anekdoten aus Tresengesprächen von gestern Abend erzählen kann. Genau das das überträgt sich auch auf „Operation 17“: Diese Leichtigkeit und Treffsicherheit, im passenden Sound und mit dem schelmisch zwinkernden Auge stets das genau Richtige zu sagen. „Das Schöne bei mir ist, dass sich Text und Musik gegenseitig bedingen, dass sie auch stets direkt parallel entstehen. Dadurch kommst du an einen Punkt, an dem du alles singen kannst, was du willst, und es macht Sinn. Denn du singst es nicht, weil du es unbedingt noch sagen oder eine Meinung von dir reinbringen willst, sondern, weil es ja eh schon da war, als der Song entstand. Das ist meine Formel, und dann kann dir nichts passieren.“

Das ist es wohl, was einen authentischen Künstler ausmacht: Die eigene Bedeutung nicht überhöhen und gerade deshalb bedeutend werden. Sagen, was man empfindet, sieht und denkt – und dies in einer Weise, die nicht nur jeder verstehen, sondern nachempfinden kann. Durch all das wird „Operation 17“ zu einer wichtigen Platte für die Gegenwart. Wie heißt es so treffend in „Man weiß es nicht“? „Wir können nur vermuten, dass die Bösen und die Guten / sich nicht weiter unterscheiden, sich nur unterschiedlich kleiden / Und wir uns dann immer wieder wundern, wie dreist wie dreist wie dreist die Bagage auf die Wahrheit scheißt.“ Oder, frei nach dem Text zu „2 wunderschöne Augen“: „Bei allem Mist der läuft und mitten in dem Chaos hier: Zeit für 'Operation 17'“.

Top